Claudia Pollack ist zeitgenössische Künstlerin und kennt beide Seiten: die Disziplin,
die es braucht, um ein Business aufzubauen – und den Preis, den man dafür zahlt,
wenn man sich dabei selbst verliert. In diesem Beitrag schreibt sie über die
Rückkehr zur Langsamkeit, zur Weiblichkeit und zu einer neuen kreativen
Inspiration, die aus dem Körper selbst entsteht.
Wenn Disziplin zur Erschöpfung wird - Sehnsucht nach einem anderen Weg
Im letzten Jahr haben meine männlichen Anteile auf Hochtouren gearbeitet. Ich habe
Grundlagen für mein Business geschaffen und viele technische Herausforderungen
mit Härte gegen mich selbst gemeistert. Ob ich das auch hätte anders erreichen
können, da bin ich mir nicht sicher, doch das ist auch gar nicht so sehr der Punkt.
Auf die weibliche Art
Ich bin kein Mann, sondern ticke in den meisten Bereichen meines Wesens sehr
weiblich. Im letzten Jahr habe ich mich in der Art und Weise, mit der ich meine
Aufgaben bewältigt habe, irgendwie von mir entfernt. Mein Kopf kam sehr selten zur
Ruhe, Schlafmangel und mein inneres Getriebensein haben mich ausgebrannt.
Ich habe mich tatsächlich sehr wenig als Frau gefühlt, war mit meinem Körper nur
noch rudimentär verbunden und hatte wenig Muße für Genuss und mich fallen
lassen. Alles war meinem Optimierungsgedanken unterworfen. Ich wollte so viel wie
möglich in der Zeit, die ich hatte, schaffen und gönnte mir dabei nur im Notfall eine
Pause. Alles musste schnell gehen. Schnell essen, schnell arbeiten, schnell ins Bad,
schnell einkaufen, schnell noch Liebe machen, schnell zum Kindergarten, schnell
nach Hause, schnell was spielen, schnell essen, schnell ins und aus dem Bad,
schnell ins Bett, schnell eine Geschichte lesen und danach schnell noch was
arbeiten. Was für ein Leben?
Natürlich finde ich es nützlich, dass ich diszipliniert sein kann, wenn es gebraucht
wird, aber dass diese Art zu leben mich nicht glücklich macht und nur eine kurze
Phase sein kann, wurde mir doch irgendwann klar. Mein Körper fühlte sich
überhaupt nicht im Einklang an, es hakte an allen möglichen Stellen. Ein ständiges
Gefühl von subtilem Unwohlsein.
Sehnsucht nach Langsamkeit
In diesem Jahr will ich zum einen zurückkehren zu einer Art zu leben, die ich bereits
kannte, und will dieses Sein außerdem in anderen Aspekten neu und tiefer erfahren
und in meinem Alltag kultivieren. In mir ist eine riesengroße Sehnsucht nach
Langsamkeit. Es fühlt sich so gut an, etwas, egal was, langsam und fast schon rituell
zu tun. Die Energie, die man den Handlungen mitgibt, spielt die entscheidende Rolle
dabei, welche Wirkung sie letztlich entfalten werden. Für mich fühlt es sich wie etwas
zutiefst Weibliches an, die Dinge langsam zu tun.
Vertrauen - eine Ressource
Warum? Nun, ich denke, weil Langsamkeit Vertrauen voraussetzt. Im Vertrauen liegt
die große Kraft von Frauen. Wir brauchen dieses Vertrauen in den
unterschiedlichsten Phasen und Situationen unseres Lebens. Es ist in uns angelegt
und eben oft auch beschädigt und verschüttet.
Dieses Vertrauen habe ich zum Beispiel in zwei Schwangerschaften und durch zwei
Geburten hindurch gebraucht und auch gehabt. Die Gebärmutter und unser Herz
sind physisch, aber auch energetisch genau die Orte, wo es in uns zu Hause ist.
Aus dem Becken leben
Wie es oft so ist, begegnen einem genau zum richtigen Zeitpunkt die richtigen
Informationen – und so kam es, dass ich im letzten Jahr zuerst den Film „Der weise
Schmerz der Seele“ über und mit Gabor Maté gesehen habe und im Anschluss
etwas in mir ganz von selbst begonnen hat, sich mit meinen Kindheitstraumata zu
beschäftigen. Es war ein eigenartiger Prozess, der sich in der zweiten Reihe meines
Bewusstseins nahezu selbstständig vollzog. Oft habe ich geweint und hätte nicht
sagen können, worüber eigentlich genau.
Dazu kam, dass ich im Internet eine Frau entdeckte, durch die ich erfuhr, dass
Traumata meist im Körper und dort im Becken, Nacken und Kiefer gespeichert
werden – und egal wie viel Therapie man macht, man dabei irgendwann an einen
Punkt kommt, an dem es keinen Fortschritt mehr gibt, wenn man nicht auch den
Körper mit einbezieht.
Ja, genau das. Ich habe schon einige Jahre zurückliegende Therapieerfahrungen,
die sich auf mein Leben entscheidend positiv ausgewirkt haben. Trotzdem hatte ich
besonders im Laufe des letzten Jahres das Gefühl, dass ich mit diesen Themen,
anders als ich dachte, noch nicht zum Abschluss gekommen war. Ich konnte spüren,
wie sich etwas durch mich durcharbeitete und von ganz unten an die Oberfläche
drängte – und ich wusste, dass mir bei der Bewältigung dessen Worte nicht helfen
würden. Bis jetzt kann ich noch nicht einmal genau sagen, worum es sich handelt.
Es ist eine Ansammlung von alten Schmerzen, gesammelt aus unterschiedlichen
Erfahrungen, zusammengeballt zu einem undurchsichtigen Knäuel in meinem
Unterbewusstsein.
Mein Körper fühlt das und beschenkt mich mit den unterschiedlichsten Symptomen,
hauptsächlich in Form von starken Verspannungen und Kopfschmerzen. Und so
mache ich nun täglich somatische Körperübungen, um das in meinem Körper
gespeicherte Gefühlsknäuel langsam entlassen zu können.
Langsamer gehen - langsamer leben
Aus dem Becken heraus leben heißt für mich auch anders zu gehen. Ich bin bekannt
für meinen zackigen, schnellen Schritt, aber gerade heute habe ich bemerkt, dass
mein Ansinnen, mir langsames Gehen beizubringen, beginnt Früchte zu tragen. Ich
laufe tatsächlich langsamer als man es eigentlich von mir kennt. Für mich fühlt es
sich genüsslich an, weil meine Hüfte dabei schwingt und ich mein Becken spüre.
Und auch hier: langsam zu laufen heißt für mich zu wissen, dass ich rechtzeitig
ankomme – ob an der Straßenbahnhaltestelle oder eben im Leben.
Mit dem einen Fuß noch hier, mit dem anderen schon dort
Vor ein paar Wochen erzählte ich einer Heilerin im Vorgespräch unserer Behandlung
von meinem Gefühl der Zerrissenheit in mir. Davon, dass ich mich zu meinem
Liebsten sagen höre, dass ich eigentlich auch ganz gerne mal wieder Single wäre
und in meiner Wohnung mit meinen tausend Samtkissen in Lila, Pink, Rot und
Orange leben würde. Alles so, wie ich es wollte, und vor allem ohne diese ganze
Verantwortung für Kinder und Partnerschaft. Im Laufe des Gesprächs half sie mir mit
ihren Worten dabei, den Zwischenzustand zu verstehen, in dem ich mich befinde.
Zwischenzustand – dieses Wort bezieht sich sowohl auf meinen physischen Zustand
als auch auf meinen seelischen. Ich bin jetzt 46 Jahre alt, mein Haar wird weißer,
mein Zyklus unregelmäßiger. Mein Körper wird älter und mein Inneres ruft nach
Freiheit auf allen Ebenen!
Die weise Frau
Hier verlangt ein 5-jähriges Kind nach mir als Mutter, dort befinde ich mich ganz klar
auf dem Weg zur weisen Frau. Nicht nur ist diese Frau weise – sie ist wie eine weite
offene Schale Wasser, wohlwollend, liebevoll, gewährend. Sie besitzt auch
Narrenfreiheit und tut und lässt, was sie will. Sie ist sexuell frei, muss sich nicht mehr
um eventuelle Verbindlichkeiten sorgen, die sich aus sexuellen Verbindungen
ergeben. Ihre Kinder sind erwachsen und sie geht, wohin sie will.
Nicht so eben bei mir. Aber der Wunsch in mir ist bereits stark, und ich kann ihn
zumindest erst einmal anerkennen – und muss mich nicht mehr fragen, warum ich
mich fühle, wie ich mich fühle.
Werkzeuge
Ich habe festgestellt, dass man sich unglaublich verausgaben kann und die Dinge
trotzdem nicht so laufen wie gewünscht. Die Anstrengung und Arbeit, die ich in ein
Projekt stecke, sagen noch nichts darüber aus, ob ich mit dem Ergebnis zufrieden
sein werde. Wenn ich durch Anstrengung und Disziplin meine Bedürfnisse ignoriere,
verhindert das den Fluss, den alle Dinge brauchen. Und der Fluss ist das
Entscheidende.
Bin ich ärgerlich, unzufrieden oder dergleichen, kann ich aufhören mit meiner Arbeit
– egal ob ich gerade am Computer sitze oder an einem Bild male – denn ich werde
aus diesem Zustand heraus nur noch mehr Hindernisse und Widrigkeiten
Produzieren.
Um es im besten Falle nicht oft zu solchen Situationen kommen zu lassen, versuche
ich jetzt, Stress möglichst zu verhindern, bevor er eintreten kann. Das heißt zum
Beispiel rechtzeitig aufzuhören zu arbeiten, um noch Zeit zu haben, mir etwas Gutes
zu tun, und mich in ruhigem Tempo auf den Weg zu machen – was mir unsagbar
schwer fällt. Es heißt auch, den Signalen meines Körpers Gehör zu schenken und
nicht gegen starke Widrigkeiten zu verkrampfen, sondern genau dann loszulassen
und den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen. Denn eines weiß ich
mittlerweile: Der Weg zum Erfolg kann auch ganz einfach sein – jedenfalls viel
einfacher oder auch einfach anders als ich dachte. Die meisten Hindernisse lösen
sich auf oder weisen den Weg in eine bessere Richtung, wenn ich mich aus meinen
zwanghaften Gedanken lösen kann, um mich irgendeiner gerade passenden Praxis
zu widmen, die mir die Ruhe bringt. Ruhe heißt Vertrauen, Vertrauen bedeutet
Wissen. Ich gehe also zum Beispiel spazieren, mache Yoga, eine Atemübung, tanze, höre laute Musik, lege mich hin, schließe meine Augen und lege meine Hände
auf Herz und Bauch.
Wohlbefinden an erster Stelle
Ich übe mich in Akzeptanz – von Situationen und von Gefühlen, die da sind. Und
dann suche ich nach den Möglichkeiten, mir Gutes zu tun, denn mein Wohlbefinden
habe ich mit Beginn dieses Jahres an allererste Stelle gesetzt.
Manchmal muss ich realisieren, dass ich manche Deadline nur noch schaffen würde,
indem ich meine körperlichen und seelischen Bedürfnisse missachte. Weil ich das
nicht will, lasse ich los und vertraue auf die nächste gute Gelegenheit – oder reiße
es in blitzartiger Geschwindigkeit auf dem Weg des geringsten Widerstandes mit
wenig Aufwand. Beides passiert.
Keine Perfektion aber auf dem Weg
Ich möchte wirklich nicht den Anschein erwecken, als ob ich plötzlich eine Art nicht
aus der Ruhe zu bringender Buddha wäre. Mein Temperament ist immer noch
impulsiv, und im Kleinfamilienalltag gibt es viele Gelegenheiten, in Frustration zu
verfallen und die Ruhe und das Vertrauen zeitweise zu verlieren.
Es ist ein Weg – mal schmal, mal breit. Aber ein Weg, den ich sehe und gehe.